Vor ein paar Jahren las ich regelmäßig einen Blog, in dem sich scheinbar zwei Seelen gefunden hatten. Zwei junge Frauen, die sich nicht nur einfach liebten, sondern deren Herzen miteinander verschmolzen schienen und ihre Seelen sich derartig eng verbunden fühlten, dass sie an eine gemeinsame Zukunft glaubten. Die beiden bloggten nahezu täglich über ihren Alltag, ihre Vergangenheit, ihre Erlebnisse, ihre Träume und ihre Gefühle. Auch jene, die sie zueinander hegten.

Nun, ich werde manchmal als Schwarzseherin bezeichnet, aber mein Gefühl trügt mich nahezu nie.
Nach ein paar Einträgen schon stolperte ich über das wunderbare traumhafte Leben der einen Frau, die zu den Abkömmlingen letzter weniger Indianer zu gehören schien, die in einem erstklassigen Job – natürlich als Firmeneignerin – um die Welt jettete und sich schon in ihrem jungen Alter aus dem operativen Geschäft zurückziehen wollte (es arbeiteten genug Leute für sie, schrieb sie) – um sich, wenn ich mich recht erinnere, mehr ihren Zwillingen (oder waren es gar Drillinge?) widmen zu können.
Selbstverständlich war alles nur top bei ihr. Top-Beruf, Top-Kinder, Topf-Figur, Top-Finanzen, Top-Haus, Top-Familie, Top-Leben. Alles Top, wenn da nicht diese Grummeln in meinem Bauch gewesen wäre.
Klar hätte es durchaus sein können, dass sich zwei junge Frauen auf wundersame Weise ausgerechnet auf einem der kleinsten Blogplattformen wie zufällig finden… gefunden haben… Wenn da nicht dieses Aber in mir gegrummelt hätte.
Ich las also neugierig immer mal wieder in diesem Blog und schüttelte hin und wieder den Kopf ob des Glücks der beiden verliebten Frauen, die sich gegenseitig anhimmelten und von einer gemeinsamen Zukunft träumten. Ihre Einträge klangen sehr verliebt, sehr gefühlvoll und sie wirkten sehr lebendig.

Eines Tages dann die Katastrophe.
Die andere Frau, eben jene, die sich wirklich verliebt hatte, schrieb nun verzweifelt und war am Boden zerstört. Sie musste erfahren, dass die andere Frau – die Frau, in die sie sich verliebt hatte – eine erfundene Gestalt war:
Gebloggt hatte alles wohl ein Mann. Ohne Indianeropa, ohne Drillinge, wahrscheinlich sogar ohne „mein Haus, mein Pferd, mein Boot“, alles nur eine erfundene phantasievolle Geschichte.

Klar fragte nicht nur ich mich, wie man sich in jemanden verlieben kann, den man noch nie gesehen hat (hatten die beiden nicht geschrieben, sie hätten miteinander telefoniert?). Doch wer bloggt, weiß auch, wie sehr selbst geschriebene Worte durchaus Besitz von einem ergreifen und Gefühle in jedwede Richtung auslösen können.

Trotzdem – wie konnte das passieren?

Der Lügenblog war schnell gelöscht. Schade, denn die Einträge waren wirklich gut geschrieben (ich hatte mich manchmal gewundert, wie ein Mann das SO hinbekommt). Der Blogger war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. War er das wirklich? Ist er das wirklich?
Und die andere Frau? Sie hatte die bittere Erfahrung gemacht, dass Seifenblasen eben platzen. Selbst die buntesten, schillerndsten sind verdammt dazu, irgendwann zu platzen. Diese Bloggerin litt unendlich und zog sich dann zurück, zumindest dort.
Beim Lesen ihrer letzten Einträge taumelte ich zwischen: Wie konnte sie nur so naiv sein, und was hat sich der Schreiber dabei gedacht? Wollte er nur Spaß haben oder hat er gezielt ein Opfer gesucht?
Mich interessiert wirklich: Was hat er sich bei seinen Einträgen gedacht, wenn er jedesmal wieder neu beschrieb, wie sehr er, also sie, die andere vermisst, liebt…, mit ihr zusammensein will? Was hat er während des Tippens GEFÜHLT?
Ich werde es wohl nie erfahren. Aber es zeigte mir einmal mehr: Man kann nicht vorsichtig genug sein und darf vor allem nicht alles für echt halten, was als echt verkauft werden soll.

Zurzeit lese ich eine schottische Geschichte, die mich ebenso aufhorchen lässt. Auch dort bin ich gespannt, was sich am Ende herausstellt.
Ein schottisches Märchen vielleicht.
 
 

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