Im Grunde mag ich diese frühe Zeit am Sonntagmorgen.
Um mich herum ist alles noch still, nur das aufgeregte Atmen meines Hundes, als er ein interessantes Mauseloch erschnüffelt, unterbricht diese Stille. Manchmal ertönt weit entfernt der Ruf des Kuckucks, als wolle er ebenfalls den Sonntag begrüßen.

Diese Ruhe ist den Sonntagmorgen ganz zu eigen. Ich genieße sie, atme tief ein und aus, genau wissend, am nächsten Tag würde der Tag wieder vom gewohnten Alltagslärm beherrscht. Motorengeräusche, das Rauschen der Reifen beim Abrollen über den Asphalt, schrilles Fahrradklingeln, das Geplärre kleiner Kinder, die an der Hand der Mutter hinterher gezerrt werden. Ständiges Telefongeläute – auch der schönste Klingelton ist ein Geräusch… – Menschen, die sinnlose Fragen stellen, Menschen, die ständig herummaulen, Menschen, die viel zu laut mit dem Handy telefonieren, in jeglichen Gebäuden, im Supermarkt, in Praxen, auf der Straße, auf dem Sportplatz, im Schwimmbad, im Auto, Menschen, die nichts mehr hören, weil sie selbst zu laut geworden sind.
So wird es auch morgen wieder sein.
Doch jetzt, heute, an diesem frühen Morgen, ist es still. Angenehm still – noch immer. Als würde die Welt noch schlafen.

Natürlich bin ich mir bewusst, diese Ruhe ist trügerisch, wurden doch einige Kilometer weiter, Wohnungen, Läden und Fahrzeuge unbeteiligter Menschen zerstört, während noch weiter weg vermutlich in dieser Sekunde wieder ein Kind stirbt, an einer Krankheit oder an Hunger, eine weiterer Mensch sich mit Aids oder Hepatitis ansteckt, oder ein anders kranker Mensch einen oder viele andere Männer, Frauen, Kinder tötet, weil er glaubt, er wäre ein Glaubender. Möglich, das irgendwo gerade in dieser Sekunde Menschen durch Erdbeben, Erdrutsche, Überschwemmungen, Orkane bedroht sind, oder von anderen persönlichen Katastrophen, wie Trennung vom Partner, verlorenem Arbeitsplatz, oder geplatztem Lebenstraum. Vielleicht tötet sich auch gerade irgendwo ein Mensch, weil er mit all diesen Dingen und letztlich mit sich selbst nicht mehr klar kommt. Endlos könnte man diese Liste fortzusetzen.

All das macht diesen Morgen aus. Und trotzdem: hier und jetzt steht die Zeit still.
Einatmen, ausatmen. Seelenakku aufladen, Körper entspannen, Kraft sammeln für den nächsten Tag. Jedes bewusste tiefe Einatmen, jedes bewusste tiefe Ausatmen lässt den imaginären Pegel steigen. Gefühlt jedenfalls.
Zwar wird sich dadurch nichts ändern, zumindest nichts in dieser erkrankten Welt. Aber womöglich in mir. Vielleicht morgen noch nicht. Vielleicht aber dann übermorgen.

So viele Gedanken um Zerstörtes, Kaputtgehendes, Unwiederbringliches.
Und trotzdem genieße ich diese Stille – in meinem Bereich. In diesem kann ich tun, oder oft noch besser: lassen. Ich kann mein Handeln hinterfragen – und reagieren. Das ist nicht viel, aber wenigstens etwas.
Eine feuchte Hundeschnauze stupst mich an der Hand. Schwanzwedelnd, mit aufmerksamem Blick, schaut mein Hund mich an.
Ich denke, ich liebe ihn vor allem, weil er nicht ständig quasselt und wir uns meist wortlos verstehen… verständigen.
Wohltuende Stille.
 
 

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