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Zwei Wochen, vielleicht vier. Plötzlich hingen diese Worte im Raum. ZWEI Wochen, vielleicht VIER?! Das konnte doch nicht sein. Das durfte nicht sein. Die müssen sich irren. Das war unmöglich!
Seit vielen Jahren lebten wir nun schon mit dir und deiner Krankheit. Damals war der Schock riesengroß und wir erstmal fassungslos. Als diese Nachricht kam, nahm es mir fast den Atem und ich dachte, mir sacken die Knie weg. In Sekundenschnelle liefen Bilder vor mir ab: Du, als ich wir dich kennen lernten. Du, wenn wir zusammensaßen. Du, wenn wir zusammen lachten. Du, wenn wir Lösungen suchten. Du, wenn wir zusammen weinten. – Und nun du, hölzern eingebettet.
Etwas Unsichtbares griff mir dabei um den Hals, drückte fest zu und ich glaubte gleich zu ersticken. Und doch blieb ich ruhig und sagte mit tonloser Stimme: „So schnell stirbt man nicht.“
Was folgten waren Wochen, Monate, es wurden sogar Jahre, die dich und uns alle veränderten. Den Tod so nah vor Augen, ständig das Damoklesschwert in Reichweite, spätestens dann beginnt man manchen Blickwinkel zu ändern. Man kann nicht alles am Tod messen, man darf es nicht tun. Aber man schaut anders an die Dinge hin, anders auch die Menschen an.

Es galt also, dir Stütze zu sein, beizustehen, dich aufzubauen, zu trösten und manchmal auch, dir in den Arsch zu treten, wenn du aufgeben wolltest. Nur manchmal passierte das. Du, die Kämpferin, hast dich von einer Untersuchung zur nächsten gehangelt, alle Behandlungen mit den dazugehörenden Begleiterscheinungen tapfer über dich ergehen lassen, alle OPs weggesteckt. Wo man schneiden kann, ist noch nichts verloren, war der Leitsatz. Vor den Untersuchungen bangten wir mit dir, genauso wie nach den Untersuchungen. Jedes Mal aufs Neue. Jedes Mal wieder das Gefühl der Machtlosigkeit, aber auch jedes Mal Hoffnung.

Vor ein paar Monaten kam er zurück. Krieg im Körper. Feindlicher, brutaler Angriff, gefolgt von grausamer Zerstörung. Plötzlich sprachen die Weißkittel von Eventualitäten, von geringen Chancen. Die Ärzte sprachen sowieso nur wenig, falls man sie überhaupt zu Gesicht bekam.
Vielleicht können sie die Ungläubigkeit, die Verzweiflung und Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Patienten und Angehörigen angesichts der Diagnose nicht mehr ertragen und geben sich daher immer sehr geschäftig. Oder die (Kranken)Kassen sind leer. Pflegepersonal, sofern überhaupt vorhanden, ist überlastet oder sie haben ihre Aufgabe noch nicht erkannt. Derart ausgeliefert zu sein… das Ende vor Augen… viele ungeweinte Tränen. Und geweinte.
Deine Pläne bewegten sich schließlich nur noch in Monatsbereichen, mit viel Glück (Glück???) ein Jahr oder zwei. Da müsste es aber schon ziemlich gut laufen. Die Medizin macht jeden Tag Fortschritte, so rechtfertigten manche die Hoffnung.

Auf einmal ging es dir sehr schlecht. Jeden Tag wurdest du schwächer, dünner, weniger Mensch. Dein Körper aber nur, dein Geist war wach und wehrte sich. Was nicht sein kann, das nicht sein darf. Und deine ToDo-liste war noch lange nicht abgearbeitet. Deine Punkte brauchten noch ein, zwei Jahre Zeit. Es war noch keine Zeit zum Sterben! Bei weitem nicht. Es waren noch einige Plätze, die du noch einmal, ein letztes Mal, besuchen wolltest, bevor du gehen musst.

Nur wenig war noch möglich. Die Zeit war unerbittlich. Deine Krankheit erst recht. Es gab kein Entrinnen vor der Katastrophe, nicht für dich, und für uns auch nicht. Jeden Morgen beim Erwachen stellten wir uns die dieselbe bescheuerte Frage: „Wache ich gleich auf aus diesem Alptraum“?
Ein paar Mal in all dieser Zeit überlegte ich, wie es wäre, davonzulaufen. Einfach nichts mehr mitbekommen, und wenn, dann nur noch aus der Ferne. Distanz ist gut, Distanz greift dir nicht um den Hals und drückt dir die Luft ab. Es würde nicht funktionieren. Miese Gedanken, feige Gedanken, wir durften dich nicht im Stich lassen. Nicht jetzt. Nicht am Ende.
Das Ende. Das Ende? Wie würde das Ende aussehen…? Ich hatte keine Ahnung. Sicher hörte ich schon hier und dort Geschichten über sterbende Menschen, aber wie das ist, wenn es einen ganz nah betrifft… ich hatte keine Ahnung, was kommen wird.
Ich befürchtete auch, zu versagen, hatte große Sorge, das alles nicht zu schaffen, Angst, das nicht auszuhalten. Aber du hattest auf unsere, somit auch meine, Hilfe gebaut, hattest darum gebeten. Du wärst sonst allein gewesen.
Mit diesen Gedanken fühlte ich mich klein und feige. Ich hoffte wirklich, alle Kräfte in mir mobilisieren zu können, um dir und auch anderen um mich herum, Halt geben zu können, ohne dabei selbst zu fallen.
Schier unendlich können zwei Wochen, vielleicht auch vier, sein.
 
 
22.12.2015, 17.48 Uhr
 
 

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