Seltsam, fast unwirklich fühlt es sich heute Morgen an, als ich das schmiedeeiserne Tor am Eingang des Friedhofs passiere. Vor mir liegt die Allee, ein breiter Hauptweg, der mich hinführen wird zu den Gräbern. Es ist kurz nach neun und schon sehr heiß. Dass es der heißeste Tag des Jahres werden sollte, wird sich dann am Abend herausstellen. Noch sind die angezeigten 27 Grad gut erträglich, ein zartes Lüftchen umweht mich. Belaubte Bäume säumen den breiten Weg und spenden schützenden Schatten. Große quadratische Steinplatten liegen paarweise nebeneinander angeordnet, lediglich von schmalen mit Gras bewachsenen Fugen sind sie unterbrochen. Seit vielen Jahren versuche ich sie so zu überqueren, dass mein Fuß bei jedem Schritt genau mitten auf eine Steinplatte trifft oder, sollte das nicht klappen, mein Fuß die Grasfuge berührt. Das ganze natürlich so, ohne etwas an meiner Schrittlänge zu verändern. Die Jahre lehrten mich, es funktioniert nicht. Es gelang mir noch nie. Meine Schrittlänge passt nicht zu den Platten oder die Platten nicht zu meinen Schritten. Erst beim dritten oder vierten Schritt gleicht es sich wieder aus. Schon immer.

Seltsam, wie solche Gedanken mich an diesem Ort einfangen, wo doch dieser Platz der Ruhestätten so viel mehr in sich trägt als diese Banalität. Wie so oft hier wird mir die Ruhe bewusst, die diesen Ort umgibt. Abseits allen hektischen Lebens. „Jenseits allen Lebens…“, murmle ich vor mich hin. Außerhalb der Stadt liegt er im Grünen, kein Straßengeräusch, kein Industrielärm, nur ein Hundebellen in weiter Entfernung nehme ich wahr. Wo sind die Vögel heute früh? Ihnen scheint es zu warm für ihre Lieder zu sein. Diese Ruhe hier mochte ich schon immer, den Grund meiner Besuche oft nicht. Endstation Leben sozusagen.

Merkwürdig, ausgerechnet hier habe schon die süßesten Eichhörnchen fotografiert. Kein Wunder, so still wie es hier ist. Als ich im Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme, bleibe ich stehen. Auch jetzt verharrt ein Eichhörnchen hinter einer Astgabelung und starrt mich an. „Keine Sorge, Kleines“, denke ich „heute bin ich ohne Kamera da. Fotografieren kann ich nur, wenn ich in mir aufgeräumt bin.“

Das bin ich gerade nicht. Zu viele Menschen in meinem nahen Umfeld sind in letzter Zeit gestorben. Zwei erst vor kurzem, zwei weitere werden folgen. Bald schon. Und die anderen? Wer weiß schon, ob nicht jemand unerwartet und plötzlich sogar noch vor den Kranken die scheinbare Reihenfolge verändert? Ja, wer weiß das schon. Der Tod fragt nicht nach Berechtigung.
Alt werden, gebrechlich und auf Rundumbetreuung angewiesen zu sein, ist grausam. Schwere Erkrankungen auch, jung sterben zu müssen erst recht. Wenn man die Wahl hätte…? Wir sind gezwungen, es anzunehmen wie es kommt. Und Lebensgesetze? Auch sie werden gebrochen. Wen zieht man zur Rechenschaft, wenn sie gebrochen werden? Wer wird bestraft, wenn sie gebrochen werden?

Ich pumpe frisches, kaltes Wasser aus dem Brunnen herauf und halte meine Hand darunter. Es kühlt angenehm meine Haut. Die grünen Gießkannen leuchten in der Morgensonne und ich verteile rasch das Wasser auf dem Grab auf dem rosarote Blumen blühen, eingerahmt von grünblättrigen Bodendeckern. Dieses Grab liegt an einer schönen Stelle, auch wenn wir heute eine Grabstätte näher am Eingang des Friedhofs wählen würden. Damals war ausschlaggebend, einen schönen Platz zu haben. Eine schöne letzte Ruhestätte hattest du verdient. Heute, nach all den Jahren, denken wir mehr praktisch und nicht von Gefühlen gesteuert. Inzwischen gibt es auch noch andere würdevolle Möglichkeiten. Urnengrabstätten zum Beispiel mit nur einer kleinen Namensplatte auf dem Boden, unter der die Urne liegt, sonst nichts. Platzsparend und pflegefrei.
Gegenüber liegt am Rande einer weitläufigen Rasenfläche ein großer, frischer Erdhaufen. Anonym. Ich mag das nicht. In ein paar Wochen rattert hier der Rasentraktor drüber und Leute trampeln ziellos über die Wiese unter der die Toten begraben sind, weil man die einzelnen Plätze nicht mehr erkennt. Oft kann man aufgeworfene Maulwurfhügel nicht von frischen Urnengrabstellen unterscheiden. Ist das von Bedeutung? Vielleicht berührt es auch nur mich wenig angenehm. Ich mag das nicht. Eine Gedenktafel kann man einem Menschen widmen, auch wenn unabhängig davon ganz andere Erinnerungen bleiben.

Der Schatten hat inzwischen den Kampf gegen die Sonne verloren und an diesem windstillen Platz wird es unerträglich heiß. Trotzdem fröstelt es mich. Ist es der Gedanke an ein frisches Grab oder eine heraufziehende Sommergrippe? Ich möchte es nicht wissen.
Erbarmungslos. Die Hitze. Und der Ort.
Es wird Zeit, wieder nach Hause zu gehen.

Das Leben ruft. Es will weiter gelebt werden.

Blu2

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