Gestern fuhr ich an einem Haus vorbei, an dessen Gartenmauer Sperrmüll und Schrottsachen zur Abholung bereitgestellt waren.
Oft erzählen die ausgemusterten, meist alten, Gegenstände aus ihrer Vergangenheit. Ein alter Küchenstuhl etwa, an dem noch ein paar weiße Farbreste hängen oder eine große Bodenvase im Stil der 70er-Jahre. Ein alter verbogener Wäscheständer, der sich nicht mehr zusammenklappen lässt oder sichtbar abgenutzte, durchgebogene Holzbretter, die zusammengefügt ein Wandregal sein könnten oder sogar ein Schrank.
Über einige Meter am Gartenzaun entlang zog sich die Fläche der entsorgten Dinge, bei manchen kaum noch zu erkennen, welche ursprüngliche Nutzung sie einst hatten und bei manchen erst gar nicht zu erkennen, warum sie jemals Gefallen gefunden hatten. Und manches stand in so gutem Zustand da, dass ich mir sicher war, spätestens in der Nacht würde es neue Besitzer finden.

Da fiel mein Blick auf etwas, dass ganz am Ende der Sperrmüllreihe stand. Ich ging etwas weiter. Ein Bild. Wunderschöne kräftige Farben, sattes Sonnengelb, leuchtendes Orange wie das selbiger reifer Frucht, in der Mitte der Bildes der Farbverlauf vermischt wie einen Sog darstellend, und überall warmes wunderschönes Rot.
Bei genauem Hinsehen erblickte ich den Körper einer Frau. Und dann ihr Gesicht. Und da? War da nicht auch ihre Seele? Das Bild machte mich plötzlich traurig. In diesen wunderschönen Farben und weich fließenden Formen erkannte ich deutlich die Seele dieser Frau. Traurigkeit erkannte ich, versteckt hinter einem leisen Lächeln. Mich fröstelte. Das ist ihre Seele. Ganz sicher. Ich sah in ihr weichfließende Unendlichkeit und gleichzeitig die Begrenzung. Ein Rand, oder besser noch: ein Ende. Mir war dieses Bild seltsam vertraut. Und gleichzeitig fühlte ich mich beklommen.
Was soll das denn?! Es ist nur ein Bild. Es steht da als sperriges Etwas, das keine Verwendung mehr gefunden hat und ist schließlich kein Goldbarren. Trotzdem. Warum es da wohl abgestellt wurde? Es war doch nicht beschädigt. Oder sieht man es nur nicht auf den ersten Blick?
Ich musste mich fast zwingen, meinen Blick wieder von diesem Bild zu lösen und ging deshalb festen Schrittes weiter.

Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt diesem Bild. Vielleicht würde sich für dieses berührende Bild vor Tagesanbruch noch ein neuer Besitzer finden. Jemand, der sieht, was ich sah. Wenn nicht, wartet die Müllpresse. Gepresste Seele.
Bilder, sie erzählen und schweigen. Nur selten weiß man, was sie wirklich bedeuten.

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