Ich spüre eisigen Wind im Nacken, als ich an diesem sonnigen Februarnachmittag am Treffpunkt stehe. Vorne aber, dort, wo die Sonne auf mich trifft, fühle ich durch die Steppjacke hindurch angenehme Wärme. Kein Wunder sind Schulen und Kindergärten wie leergefegt, Firmen nur spärlich besetzt und wenn man noch selbst unter Leute gehen kann, wird man allerorts nur angeniest und angehustet.
Während ich dort stehe und warte, fällt mein Blick auf ein kleines Mädchen, deren Rotznase bestimmt ihren Ursprung im kalten Wetter der letzten Tage findet. Unruhig tippelt es vor seiner Mutter hin und her. Die Mama scheint nicht zu bemerken, dass die Nase ihres Mädchens läuft und läuft. Einerseits angewidert vom gelben Rotz, der runter bis zur Oberlippe klebt, muss ich andererseits über das Unbeholfensein des Mädchens schmunzeln. „Mama, meine Nase läuft“, könnte die Tochter sagen, oder „Mama, Taschentuch.“ Ihre Zunge schiebt sich zwischen den Lippen hervor. Ach nein, alles, nur nicht das jetzt…
Ich krame in meiner Jackentasche nach einem frischen Taschentuch…“der Vater hüt’“… leider habe ich keines dabei… “die Schaaaf“… Während ich zu gerne geholfen hätte, diese Notlage rasch zu beenden, höre ich hinter mir …„die Mutter schüttelt’s“… ein zartes Stimmchen… „Bäumschelein…“…, das plötzlich innehält. …„die Mutter“ … wieder Pause… „schüttelt’s Bäumschelein“… ich drehe mich um und schaue woher das Stimmchen kommt…“da fällt herapp ein Träumschelein“….
Hinter der dichten Hecke erkenne ich die Umrisse eines Kindes, vermutlich ebenfalls ein Mädchen. Ein genauer Blick bleibt mir jedoch verwehrt. Ein Kindergarten. Ja, klar, hier ist ein Kindergarten. Auch das Rotznasenmädchen hört das Singen, dreht sich um und lauscht …. „Schlaf, Kindlein…“ Pause …“schlaaaaaf“.
Auf der Straße vor uns schiebt sich Auto an Auto vorwärts, Menschen hetzen auf und ab, Hundebellen, Geplappere, Lachen, Rufen, Motorengeräusche. Es ist Freitag. Es ist Nachmittag. Alles um mich herum ist laut. Jeder hat es eilig irgendwohin zu kommen. Jeder scheint den kürzesten Weg von A nach B zu nehmen. Vielleicht den Weg nach Hause. Kalt, hektisch, unangenehm sind diese Minuten. Und doch ist da plötzlich dieser wärmende Moment. Wie in Zeitlupe. Zart, wie Glöckchen, so klingt dieses Stimmchen, dort, hinter der Hecke. Ein bisschen fühlt es sich an wie im Märchen. Das Rotznasenmädchen spürt es auch. Es schaut mich an – und lächelt. Hörend. Wissend. Ich lächle zurück. Hörend. Wissend. – Verstehend. Unsere Blicke bleiben für Sekunden aneinander hängen.
Kurz darauf verstummt das Singen. Fast zur gleichen Zeit verschwinden Mädchen und Mutter im großen Bauch des Linienbusses. Motorengeräusche, Rufen, Lachen, Geplappere, Hundebellen, auf und ab hetzende Menschen, wieder Auto an Auto… Lärm.
Ob ich geträumt habe? – Wer weiß.
 
 

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