Es ist noch früh an diesem Sonntagmorgen und nur wenige Menschen sind schon auf den Straßen. Nachdem es die ganze Nacht geregnet hat, ist die Luft jetzt frisch und klar.
Zwischen den Temperaturen, die der meteorologische Sommer für den August verspricht und den tatsächlichen Werten an diesem 24. liegen die weichen Stofflagen meiner Fleecejacke.
War es nicht so, dass ich im letzten Jahr um diese Zeit schon im T-Shirt unterwegs war und die Morgensonne meine Haut fast verbrannte?

Ich entscheide mich für Gummistiefel, denn die Wiesen sind noch nicht abgemäht und der Regen der Nacht schimmert an unzähligen kniehohen Grashalmen. Wie Perlenschnüre hängen die Regentropfen an ihnen, an Blumenstängeln und Spinnfäden. In der aufsteigenden Sonne glitzern sie bei jeder leichten Bewegung. An manchen Stellen über den Wiesen und Bäumen hängen helle Nebelfetzen wie Wattebäusche in der Luft.
Auf dem Weg vor mir suchen leuchtend gelbe Sonnenstrahlen Lücken zum Boden und zerlegen die Schatten der Bäume in einzelne Abschnitte. Einer Klaviatur gleich sieht das aus, Licht, Schatten, Licht, Schatten, Licht… wie helle Strahlen, die fächerartig schräg hereinfallen und auf diese Art diesen Hohlweg beleuchten, der ebenfalls noch von einzelnen Nebelschwaden durchzogen ist.
Eine wirkliche Märchenkulisse, dachte ich, in der jeden Moment ein Prinz auf seinem edlen Ross durch die Büsche brechen könne.

Ich bleibe stehen, als ich ein kräftiges Rascheln höre. Auch mein Hund verharrt plötzlich wie angewachsen. Er hält eine Pfote angewinkelt hoch und steht erwartungsvoll in Habachtstellung, bereit zum Absprung. Die Ohren gespitzt, folgt sein Blick dem Rascheln. Wir lauschen beide in den Morgen hinein, doch nichts passiert mehr. Nur die Regentropfen, die sich durch die Blätter hindurch in den Bäumen den Weg nach unten suchen, kann ich fallen hören, tropf… tropf… tropf… Es klingt, als würde es um uns herum leicht regnen.

Ein seltsames Bild dort an diesem Morgen. So wunderschön anzusehen wie dieser wolkenlos blaue Himmel über mir steht, die strahlende Sonne, die die Farben der Erde zum Leuchten bringt und diese, im Sinne des Wortes, traumhaften Geräusche und glitzernden Lichteffekte der Nässe, könnte man fast glauben, die Welt ist schön.
Würde man nicht auch die andere Seite kennen.

Vielleicht sind es genau solche Momente, die uns zusammenhalten. Seelenstreicheln.
 
 

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