So wie man die letzten Tage des Jahres gerne mit „zwischen den Jahren“ bezeichnet, so fühlt sich jetzt gerade die Zeit an, nur ohne diese erwartungsvolle Stimmung was das neue Jahr betrifft.
Sie ist unbeschreiblich. Diese Zeit ist unbeschreiblich. Nie zuvor hat sich mir eine Ohnmacht so klar und wuchtig gezeigt, wie in den letzten Monaten, Wochen und Tagen.

Von der Diagnose bis heute sind nur wenige Monate vergangen und seit diesem dunklen Tag ist klar, du wirst nicht mehr lange leben.
Ein Schock.
Als du mir das sagtest… ich glaube, mir stockte der Atem. Die Zeit blieb stehn. Stille. – Stille bei dir. – Stille bei mir. – Die ganze Bandbreite an Empfindungen, die man erlebt, wenn Götter in Weiß sagen: „…noch ein paar Monate… vielleicht ein Jahr…“ Ungläubigkeit, Ratlosigkeit und Fassungslosigkeit folgen.

Ein Jahr. Ein Jahr noch.
Seit Jahrzehnten kennen wir uns und mögen wir uns. Junge, wilde Jahre erlebten wir gemeinsam, ruhigere, gereifte – oder nennen wir sie besser erwachsene – Jahre folgten und wir trotzten den Schwierigkeiten, die sich uns stellten, wenn möglich, einander helfend. Wir gaben uns gegenseitig – und manchmal nahmen wir auch nur. Wir begleiteten einander, so könnte man sagen. Du, und ihr, wart immer da. Und wir auch. Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es sein wird ohne dich… wie es sein wird, wenn euer „ihr“ einer weniger ist. Darf ich soweit überhaupt schon denken?
Klar gibt es da diesen klugen Satz: Das Sterben gehört zum Leben dazu. Aber klaffen nicht gerade hier Theorie und Praxis weiter auseinander als irgendwo sonst? (Was die Auswirkungen dieses so leicht dahin gesagten Satzes betrifft).
In den vergangenen Wochen habe ich mich tausend Mal gefragt, ob es besser ist, einen Menschen ohne Vorankündigung schlagartig zu verlieren oder einen unheilbar kranken Menschen in seiner letzten Zeit begleiten zu können.
Begleiten? Kann ich das überhaupt? KANN ich das? Wie macht man das? Bin ich genug sensibel? Bin ich überhaupt in der Lage, richtig zu agieren, zu reagieren, die passenden Worte zu finden, still zu sein, wenn es die Situation erfordert, zu sagen, was guttut?

Selten wird mir die Bedeutung vom Ambivalenz so klar aufgezeigt wie hier.
Einerseits ist da meine Traurigkeit bei dem Gedanken, wenn du nicht mehr bei uns sein wirst. – Wobei DU doch derjenige bist, der das Leben verliert. – Andererseits fühle ich meine Entschlossenheit, da sein zu wollen, wenn ich auch nicht immer weiß wie, und ehrlich gesagt auch vor dem Wie Angst habe.
ICH mache mir Gedanken, wie ICH mit der Situation umgehen soll, dabei bist DU, lieber Freund, derjenige, der mit dieser Krankheit leben muss… Ein Leben auf der Zielgeraden… die schwarzweiße Flagge schon sichtbar.
Ich fühle mich egoistisch und hilflos. In den ersten Wochen, nachdem ich es wusste, hätte ich mich am liebsten auf einer monatelangen Reise befunden. Weit weg sein, alles, bloß nicht über sinnvolle Worte entscheiden zu müssen, um am Ende festzustellen, das geht gar nicht. Sicher kann man Formulierungen meiden, Themen umgehen, aber jetzt, in dieser Situation schweigen, bewusst schweigen?… wenn man sich jahrzehntelang kennt, kann man sich im Grunde nichts vormachen. Oder kann man es gerade dann? Soll man das? MUSS man das?

Wunder? Sicher hörte man schon von wundersamen Heilungen, auch von vereinzelten Spontanheilungen ist die Rede. Hilft beten? Bitten? Glauben? Hoffen?
Die Zeit läuft, rast weiter zwischen Hoffen und Bangen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Sicher. Das klingt gut. Klingt nach einem Stück Treibholz, an dem man sich verzweifelt festkrallt… ein Stück Treibholz im tosenden Fluss.
Wie kann man hoffen, trocken zu bleiben, wenn man im Platzregen steht?

Während ich in deine traurigen Augen schaue, ertaste ich innerlich immer wieder neu einen guten Weg zu dir. Bei keiner Begegnung wissen wir, ob eine weitere folgen wird. Ich mag dich und ich möchte an dir teilhaben, teilnehmen, so lange das möglich ist. Anfangs dachte ich noch darüber nach, dass man aufgrund einer langjährigen und innigen Freundschaft geradezu die Verpflichtung hat, in einer solchen Situation nicht wegzulaufen. Aber das ist quatsch. Es gibt bei Freundschaft keine Verpflichtung, es gibt lediglich ein Wollen.
 
Trotzdem gestalten sich die Tage schwierig. Wir Menschen sind so unvollkommen.

 
 

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