Letzten Sommer habe ich einen Chatfreund verloren.
Persönlich kennen gelernt habe ich ihn nicht. Es war auch nie Thema zwischen uns, etwas an unserem virtuellen Bekanntschaftsgrad ändern zu wollen. Und selbst wenn, die Zeit hätte nicht mehr gereicht. Wir schrieben und es war gut so wie es war.
Als er nach Monaten schweren Leidens, das ich also nur in schriftlicher Weise mitbekam, gestorben ist, fühlte sich das seltsam an. Jemanden zu kennen und auch wieder nicht, und plötzlich war er für immer weg. Keine virtuellen Nachrichten mehr. Stille dort, wo sonst seine Nachrichten kamen.

Er war gerne draußen im Freien und er mochte wilde Blumenwiesen, so wie ich, er konnte sich riesig freuen, wenn er ein Reh in freier Natur entdeckte, so wie ich, wenn mir (m)eine Fuchsfamilie auf meinen Spaziergängen begegnet.
Als er letztes Frühjahr sagte, er würde roten Klee lieben, antwortete ich noch lachend, ich würde zukünftig bei jedem roten Klee, den ich sehe, an ihn denken müssen. Das kam tatsächlich so. Ich denke mit einem Lächeln an ihn. Vor ein paar Tagen, als ich vor einem reich blühenden Kleebusch stand, fiel mir der Glaube mancher Menschen ein, man könne zu Verstorbenen Verbindung bekommen, wenn man wirklich will.
Ich musste schmunzeln, schaute in den Himmel und flüsterte: „Lieber S., wenn du noch irgendwo da draußen im Universum bist, wäre jetzt eine gute Gelegenheit, mir ein Zeichen zu geben.“ Ich stand vor diesem wirklich üppig blühenden roten Klee – wartete und nichts geschah. Ich horchte, ich schaute, ich roch, ich fühlte, aber ich konnte kein Zeichen entdecken. Nicht mal der kleinste Hinweis, in den ich hätte ein Zeichen von ihm hineininterpretieren können.

Lächelnd ging ich weiter ohne traurig zu sein. Ein solches Zeichen brauchte ich gar nicht. Wahrscheinlich hätte es mir eher Gänsehaut verursacht, wenn etwas in dieser Art passiert wäre. Ich weiß auch so, dass unsere Gedanken verbunden sind – oder waren – und wir trotz unserer Unterschiedlichkeit – zwei völlig verschiedene Wesen… – viel Gemeinsames hatten.
Lieber S., denke ich, ich habe dir versprochen, ein bisschen für dich mitzuschaun und mitzulauschen, wenn ich draußen bin… beim abendlichen Rufen des Kuckucks, der nach wie vor Verstecken mit mir spielt, beim Betrachten der vorzeitig gereiften Ähren, weil ausdauernder Regen ausblieb, wenn ich den mit gelben Blütenstaubmäntchelchen bekleideten taumelnden Hummeln ausweiche, wenn ich blinzeln muss, weil sich das Wasser des Baches im grellen Sonnenlicht spiegelt, …

Während dieser Gedanken lasse ich einen langen Grashalm durch meine Finger gleiten, mein Blick schweift über die Wiese und ich sauge die kräftigen Farben der Blumen tief in mir auf. Bald wird auch das wieder Vergangenheit sein. Ich bin traurig, dass er so früh gehen musste, gleichermaßen ist es wohl gut, dass sein Leiden beendet wurde.
 
 

Ebenfalls im letzten Jahr habe ich eine Freundin verloren, wenn auch auf völlig andere Art.

Was bleibt, ist auf der einen Seite die Akzeptanz einer Unabänderlichkeit, auf der anderen Seite ein stummes Kopfschütteln, ob des Nichtbegreifenkönnens.
Die eine Art des Abschieds kann man innerlich vollziehen, die andere Art zu Lebzeiten nicht.
 
 
t.b.c.
 
 

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