Schmunzelnd las ich noch vor einigen Tagen: „Die Kölner feiern sich und ihre Stadt!“ Ich war gespannt, kannte ich Köln und Düsseldorf im Zusammenhang mit Karneval nur mit der unrühmlichen Folge geschlossener Kaufhäuser, unerreichbaren Niederlassungen selbst großer Firmen, und sollte man doch Glück haben und in irgendeinem rheinländischen Büro jemanden ans Telefon bekommen, konnte man bei genauem Hinsehen sogar das Schunkeln des eigenen Telefonkabels entdecken.

Was würde sie ausmachen, diese Verrücktheit, die ich nur aus dem Fernsehen kannte? Rosenmontagsumzug. Aus meiner Umgebung kannte ich zwar Karnevalsumzüge, klar, natürlich im kleineren Rahmen, wie ich feststellen sollte, und auch anders. Ganz anders. Wann immer ich die Möglichkeit hatte, schaute ich mir früher die Liveübertragungen der RoMo-Umzüge an. Diese vielen geschminkten und verkleideten Menschen, diese tollen Wagen und diese verrückte 5. Jahreszeit gefielen mir, obwohl ich nicht genau sagen konnte, was es ausmachte, zumal ich damals keine dieser Städte kannte.
Was mir allerdings nie gefiel, waren die Prunksitzungen, die alljährlich in diesen Wochen die Fernsehprogramme überlagerten, mit Dialekten, bei denen man nur erahnen konnte, dass es sich um wirkliche Sprache handelte. Für Auswärtige nicht verständlich. Aber vielleicht wollen die auch gar nicht verstanden werden…?

Ich wusste also nicht was mich erwartet und ich erwartete auch nichts. Sehen, hören, riechen und vor allem spüren, das ist es, was ich am liebsten mache. Das war auch mein Ausgangspunkt, als ich am Karnevalssonntag ankam, hier in der „aale Stadt am Rhing“.
Es war Nachmittag und sicher nicht von Nachteil, mich noch etwas im Stadtkern umzuschaun. Für morgen war eine Million Menschen angekündigt. EINE MILLION verrückter Menschen in der Innenstadt von Köln. Gerne wollte ich den Tag davor noch etwas mit Ruhe genießen und machte mich auf den Weg zum Dom.

Als ich mich durch das Bahnhofsgebäude schieben ließ, luden mich bereits viele bunte Plakate zu allen möglichen Karnevalsfeiern ein. Daneben überall Hinweisschilder, dass am nächsten Tag geschlossen ist. Fahrkarten nur noch am Automaten. Hier zu und dort zu und da hinten auch zu. Alles zu. Auch davon hatte ich gehört. Shoppingtouren am Rosenmontag z.B. sind unmöglich.
Als ich das Bahnhofsgebäude verließ, blies mir eiskalter Wind ins Gesicht und hunderte Menschen waren plötzlich um mich herum. Ich blinzelte den Dom an, der in riesiger Gestalt vor mir stand. Wirklich ein beeindruckendes Monument. Vor der tief stehenden Sonne wirkte er düster, wurde aber umringt von meist bunt bekleideten Menschen; lachend, grölend und auch streitend… von Gruppen mit gleichen Uniformen, gleichen Kostümen oder auch nur gleichen Hüten. Ich erkannte sofort wer auf diesem Platz zusammengehört. Es wurde überall geredet, gekreischt, getanzt und – getrunken.
Alle paar Meter fanden sich ebenfalls zu Grüppchen sortiert leere Kleine Feiglinge oder anderes Minileergut. Hunderte dieser kleinen Fläschchen lagen mitten auf dem Domplatz, auf der Mauer, auf den Treppen, in den Hauseingängen, auf den Wegen und dazwischen Menschen, Menschen und Menschen. Niemanden schienen diese Berge von Müll aufzufallen, geschweige denn zu stören. Hätte ich gewusst, dass das noch zu toppen ist, ich hätte keinen Gedanken daran verschwendet.

Als ich ein lautes, tosendes Geräusch hörte, schaute ich mich um. Unterhalb der Treppen am Dom bewegte sich langsam ein Müllauto vorwärts. Ein paar Männer schoben mit Rechen den Müll grob zu großen Haufen zusammen. Und dann erkannte ich woher dieses laute Motorengeräusch kam. Ein Riesenstaubsauger befand sich an der Seite des Müllwagens, das Saugrohr mit einem Durchmesser von etwa einem halben Meter. So etwas hatte ich auch noch nicht gesehn. Nicht in dieser Größenordnung. Alles verschwand darin, ganze Pizzakartons, Dosen, Flaschen, Plastik, Papier, Schuhe, Kleidungsstücke. Wie viele Ohrringe, Ringe, Handys und andere Wertsachen wohl an einem Tag wie diesem im dicken Bauch dieses Fahrzeugs verschwinden – auf Nimmerwiedersehen? Wie automatisch fühlte ich an meiner Hosentasche nach dem Handy. Alles noch an Ort und Stelle, erkannte ich, und ich konnte beruhigt weitergehen.
Auf einer Tribüne saßen ein kostümierte Menschen, die mehr oder weniger auf ihren Instrumenten spielten. Vielleicht eine letzte Probe, vielleicht ein Instrumentestimmen oder das Ende eines Auftritts? Sie packten dann zusammen, was ich sehr bedauerte, denn ich hätte gerne diese Musik gehört. Gerade jetzt.
Ich drehte mich noch einmal um zum Dom, nahm dieses bunte lebendige Bild in mir auf und schlug den Weg Richtung Neumarkt ein.
Die Sonne war inzwischen hinter den Häusern der Ladenstraßen verschwunden und kalter, böiger Wind pfiff durch die Gassen. Als ich um die nächste Ecke bog, hörte ich plötzlich mir sehr vertraute Klänge. Tschtschtsch, klong, tschtschtsch, klong, … Guggenmusik… Es war nicht schwierig, der lauten, rhythmischen Musik zu folgen und zwei, drei Ecken weiter standen sie auch schon. Tatsächlich! Eine Gruppe von Guggenmusikern (auch: Lumpenkapelle) machte vor einem WDR-Gebäude heftig Krach mit ihren Blasinstrumenten, Schellen und Trommeln. Der Vorspieler – ein wenig erinnern die mich immer an Animateure – brachte rhythmisch wippend und laut rufend vorbeieilende Passanten zum Stehenbleiben und Mitmachen. Die mit gelbgrünroten Stofffetzen verzierten Kostüme der Musiker wippten bei jeder Bewegung mit. Lustig sah das aus. Und fast alle Zuschauer, die meisten Rheinländer, tanzten und klatschten mit. Wieder einmal fand ich großartig, dass diese -auch als Katzenmusik bezeichneten- Klänge ohne Pause gespielt werden. Fünf Minuten, zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Minuten und mehr. Je mehr das Publikum mitmachte, desto lauter trommelten, sangen und wilder tanzten alle. Herrlich! Musikalische Faschingsklänge aus dem Süden – und die Rheinländer mögen diese schräge Musik. Herrlich!

Ich hörte eine Weile zu, erfreute mich an der Begeisterung der Menschen, schoss ein paar Fotos dieses verrückten Auftritts abseits der offiziellen Termine und ich fand es großartig, wie dieser Spontanauftritt einen Menschenauflauf schuf. Nach einer halben Stunde etwa, die Sonne war längst untergegangen, setze ich meinen Weg fort. Es fiel mir schwer, mich von diesem bunten und verrückten Treiben zu lösen, aber es war kalt – und der Wind nicht weniger geworden.
Während mich bunte Leuchtreklamen und hell erleuchtete Schaufenster mit ihren Puppen auf dem Weg zur U-Bahnstation am Neumarkt begleiteten, sah ich die schon vorbereiteten Tribünen und Absperrgitter für das große Spektakel am nächsten Tag stehen. Alles gut organisiert, aber sie haben ja auch Übung, diese Kölner. Alle Jahre wieder… fast schon Routine…?
Menschen eilten hin und her, als gäbe es letzte Besorgungen zu erledigen, obwohl Sonntag war und die Läden geschlossen hatten. Nur bei Meckes und anderen Fastfoodies war noch Trubel. Aufregung lag in der Luft. Ich konnte sie spüren. Ich konnte sie sehen, wenn ich diesen Menschen hinterherschaute.
Ich musste nur wenige Minuten auf die 18 warten und mit mir einige andere müde aussehende Jecken. Ein Pärchen ließ sich mir gegenüber schwer auf die Sitze der U-Bahn plumpsen und legte die Köpfe aneinander. Süß, wie sie da saßen in ihren tollen Kostümen mit geschminkten lachenden Masken und dabei so müde und unbewegt vor sich hin starrten.
Die Ruhe vor dem Sturm… so kam es mir vor, als ich in die Straße zum Hotel einbog.
„Köln… du verrückte Stadt… ich bin gespannt“, murmelte ich vor mich hin.
 
 

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