Noch steht die Sonne tief, als sich meine Füße bei jedem Schritt in den kühlen Sand eingraben. Später werden sich unzählige Sandkristalle zwischen meinen Zehen reiben und die Haut meiner Füße am dünnen Stoff der Sommerschuhe scheuern. Ich kenne das schon. Ich kenne es seit vielen Jahren. Füße mit feuchtem Sand – oder feuchte Füße mit Sand – passen nicht zusammen. Nicht, wenn sie zusammen in Schuhe gesteckt werden. Andererseits mag ich dieses Gefühl. Ist es anfangs noch ein unangenehmes Reiben, verliert sich das nach einiger Zeit, wenn die Sandkristalle trocknen und sich von der Haut lösen, um sich jetzt im Schuh zu sammeln und wie ein bewegliches Polster die Fußsohle bei jedem Auftreten massieren.

 

Immer das gleiche, denke ich. Klar könnte ich den feuchten Sand mit einem Handtuch oder einem Shirt abklopfen, aber das wäre nicht das gleiche. Dieser klebende Sand an den Füßen gehört irgendwie dazu.
Am meisten liebe ich es, schon früh am Morgen, wenn noch keine Menschenseele unterwegs ist, an den Strand zu gehen. Sicher, Pferde, die trotz Verbot am Strand entlang galoppieren und dort unbeeindruckt hinäpfeln, muss ich dabei in Kauf nehmen. Spannend ist dabei der Versuch, die Hunde von den Haufen mit den Pferdeäpfeln möglichst weit fernzuhalten, bevor sie als Frühstück im Hundemagen verschwinden.

 

Über dem Wasser geht gerade die Sonne auf. Nur von kleinen Plätscherwellen wird das Meer heute Morgen bewegt, so dass sich das Licht der Sonnenstrahlen auf diesen vielen kleinen Wasserbewegungen unzählige Male spiegelt. Wunderschön, wie sich die fast weiß scheinende Sonne langsam über dem Meer nach oben schiebt. Die wärmenden Strahlen, die vom Horizont bis zu mir herüberreichen, kündigen einen weiteren glutheißen Tag am Meer an.
Ich gehe ganz nah am Wasser. Dort, wo der Sand nur ein wenig von den auslaufenden Wellen berührt wird, läuft man fast wie auf festem Boden, nur an wenigen Stellen sinke ich zentimetertief ein. Während ich diesem Sand-Matsch-Gemisch an meiner Haut nachfühle – das sich übrigens angenehm kühl um meine Füße schmiegt – überlege ich, bei welchem Gewicht man wie tief einsinkt. Wie sich das wohl berechnen lässt.
Als ob ich im Laufe der Jahre nicht schon genug Muscheln gesucht, gefunden und schließlich aufbewahrt hätte, kann ich den Blick kaum vom Sandboden lösen. Ich entdecke immer wieder eine, die noch schöner oder noch größer ist, als die vielen anderen, die sich längst meiner Sammelleidenschaft fügen mussten. Diese Muscheln sehen im Grunde alle gleich aus und doch ist jede anders. Oft sind es nur Nuancen, durch die sich unterscheiden,- wieso eigentlich bleiben sie trotzdem so interessant? Sie sind nicht bunt, sie sind nicht besonders auffallend, auch das Meer kann man in diesen nicht rauschen hören und trotzdem haben sie etwas wie Magisches an sich. Ich nehme mir jedes Mal vor, keine mehr – wirklich KEINE EINZIGE mehr – mitzunehmen, nicht mal aufzuheben, aber die eine oder andere findet sich am Abend dann doch in meiner Hosentasche.
So gleich wie die Muscheln alle in meinen Besitz kommen, so verschieden waren die Begleitumstände dazu. Jede von ihnen könnte eine andere Geschichte davon erzählen, wie das war, als sie bei mir ankommen ist. Ein Besuch am Meer ist immer begleitet von einer anderen Zeit, neu Erlebtem, vielleicht neuen Lebensumständen, neuen Gedanken. Mit jedem Urlaub kommen neue Erinnerungen hinzu. Es wird auch dieses Jahr so werden.
Ich schließe die Augen und fühle die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.

 

Während ich mich auf den Rückweg mache, muss ich an dich denken.
Ich rieche an einer glatten weißen Muschel. Etwas Seetang haftet an der Schale fest und verleiht ihr diesen besonderen Geruch… Duft. Andere würden sagen, das stinkt. Ich weiß, du liebst diesen Geruch genauso wie ich. Und dieses Meer… die See.
Wenn wir uns manchmal vorstellen, wie die Menschen sich früher hier züchtige Badeanzüge angezogen haben – in eigens dafür gebauten Badehäuschen – , um dann unter dem Häuschen schnell ins Wasser einzutauchen, um ja kein Fleckchen entblößte Haut zu enthüllen, müssen wir über diese Prüderie lachen. Hätten die Leute damals gewusst, wie wenig bis kein Stoff heute an den Stränden getragen wird, sie wären sicher schockiert gewesen.
Ich bin sicher, du würdest diesen leuchtenden Sonnenaufgang heute früh auch mögen, würdest genauso die frische Morgenluft tief einatmen, den Blick weit aufs Meer schweifen lassen – und den Moment genießen. Wenn das noch ginge.
Wir haben ausgemacht, dass ich dir berichte von meinen Strandbesuchen, vom Sand, von Muscheln und vom Meer. Und ich habe dir ein Bild versprochen.
 

Manchmal kann man ein Versprechen nicht halten.
 

SA 13

 

Sonnenaufgang August 2013
 

Advertisements