Ein komischer Morgen. 6.45 Uhr. Kein Himmel ist zu sehen, Einheitsgrau dort, wo Himmel sein müsste, leichter Dunst hängt unbewegt über den Feldern. Die Luft ist feucht, ich bilde mir ein, sie auf meinen Lippen zu schmecken. Vor mir bewegen sich Autos in südlicher Richtung, eins am anderen, fast wie aufgefädelt fahren sie hintereinander her. Nur ein paar reißen aus der Gleichmäßigkeit dieser Vorwärtsbewegung aus. Ein paar super Schnelle. Ganz schnell werden sie auch aufgefordert sein, für zu hohes Tempo zu bezahlen. Da vorne steht der Blitzer.
Mitten hinein in dieses graue Einerlei, ich fühl mich vom Sommer verraten, parke ich mein Auto. Nur wenig Menschen sind um diese Zeit unterwegs. Eine Frau mit zwei großen Hunden schaut missmutig vor sich hin. In wenigen Minuten werde ich auf dem Rückweg von der Bäckerei feststellen, dass die Hunde den Gehweg vollgekackt haben. Nichts gegen Hunde, auch nicht in der Stadt, aber wenn sie auf den Weg kacken, gehört das weggemacht. Aber ich frage mich, wen interessiert das? Genauso gehört es sich nicht, auf die Straße zu kotzen. In der Hauptsache ältere Männer. Wenn schon, können sie nicht den Grünstreifen oder den Straßenrand nutzen, wenn das schon sein muss. Aber es muss eigentlich nicht. Stört das nur mich? Wieso sagt da keiner was? Ich sprach mal einen drauf an (leider erwischt man die nur selten), dass das eine ziemliche Sauerei ist, seine schleimigen Sekrete da auf dem Gehweg. Er sagte zu mir, halts Maul, du Sau. Achtung vor dem Menschen? Ich war überzeugt, ich hätte sie, plötzlich zweifle ich an mir.
Alles rückt in dieser Zeit seltsam zusammen. Plötzlich liegen die Übergänge enger beieinander. Kommen sich näher. Lachen und Weinen. Geburt und Sterben. Leben und Tod. Die Schatten werden dunkler. Das Licht erkämpft sich zwar seinen Raum. Doch der Moment des Leuchtens verliert gegen die Ewigkeit des Schattens. Früher lagen gefühlte endlose Zeiten dazwischen. Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Altwerden, Altsein, Sterben. Heute begleitet das eine oft das andere. Es ist nicht mehr klar getrennt, obwohl es auch früher nicht getrennt war. Nur gefühlt getrennt. Oder verdrängt?
Seltsam, diese Menschen zu sehen, oder mich. Der dort auf dem Fahrrad, die alte Frau auf der Straße, der hupende Golffahrer, ich. Es ist egal, wie wir uns fortbewegen, ob wir nun schnell von A nach B kommen oder nicht, im Grunde ändert es nichts. Der Tag wird enden. Ob wir ihn mögen oder nicht, er zählt seine Stunden, Minuten und Sekunden ab, dann ist er fertig. Für heute. Morgen beginnt er neu zu zählen. So wie gestern, morgen, so wie jeden Tag in jedem Jahr. Spielt es eine Rolle, ob heute Montag ist oder Freitag, Juni oder Dezember? 1978 oder 2024? Spielt es eine Rolle, ob ich da bin, oder er oder sie? Oder du? Warum? Für wen? Für mich? Für dich? Für …?
Zählt, wie wir leben? Zählt am Ende, wie wir gelebt haben? Zählt, ob wir uns selbst liebten? Oder zählt, wen wir liebten – und wie wir liebten? Spielt Liebe in unserem Leben eine Rolle, oder spielt sie DIE Rolle überhaupt? Ist sie Dreh- und Angelpunkt? Oder ist das völlig egal?
Ist nur wichtig, was wir schufen? Kann man etwas erschaffen, ohne sich selbst zu lieben? Woher kommen Ideen, Kreativität, Schönheitssinn, ein „Händchen“ für etwas? Ich glaube, man kann nur etwas wirklich Schönes, Gutes, tun, wenn man selbst gut (zu sich) ist. Das Innere nach außen tragen. Dabei sind doch so viele blind. Sehen nichts, obwohl auf der Fahne fett das Leitmotiv geschrieben steht. Selbst auf die Stirn gedruckt, würde es nichts nutzen. Blind die Augen. Die, die nicht sehen können, sind blind. Die, die nicht hören können, sind taub. Die, die nicht fühlen können, sind …? Ja, was sind die?
Komisch dieser Morgen. Komisch diese Gedanken. Es ist 7.12 Uhr.
Noch immer keine Sonne. Ich würd ihr gern entgegenlachen.
Ein Lächeln. Für mich. Und eins für dich.
Advertisements