Der Parkplatz des Einkaufszentrums wurde inzwischen größtenteils von Schnee und Schneematsch befreit. An manchen Stellen bilden sich vom Tauwasser Pfützen, die dem weitläufigen Parkplatz das Bild einer Seenlandschaft verleihen.

Ich habe nur noch wenige Schritte bis zu meinem Auto, als ein großes silbernes Ungeheuer – es ist eigentlich ein Auto mit auch nur vier Rädern, aber einem Stern – in einer solchen Geschwindigkeit an mir vorbeischiesst, dass die von den fetten Reifen verdrängten Schneematschreste und Tauwasser dermaßen zur Seite spritzen, dass eine Frau, wenige Schritte vor mir, sich gerade noch mit einem einem Sprung zur Seite  vor der graubraunen Matsche retten kann.
Ich schüttle angewidert den Kopf und erkenne in diesem Moment, wessen Auto das ist und vor allem, wer es fährt.
Den Fahrer kenne ich. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Seit Jahrzehnten sogar. Ein Altvorderer könnte man ihn heute nennen. Unternehmer. Ehemann. Vater einer Jugendfreundin. Der Schrecken einer jeden Party in dieser Zeit. Chef und Ex-Chef von einigen Menschen hier im Ort. Grölemann bei jedem Fest.

In diesem Moment bestätigt sich alles, was über ihn geredet wird. Rücksichtslos ist er, ohne Manieren, egoistisch, maßlos. Ein Grapscher wäre er auch, sagt man.

Schon klar, er hat es gerade sicher sehr eilig zu einem Termin zu kommen, zum nächsten Kunden oder zum nächsten Auftrag. Oder wohin auch immer. Menschen wie er sind wichtig. Darum dürfen sie das. So denkt er. Dachte er schon immer. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, war seine Devise. Zum Glück sahen seine Kinder das anders.
Seine Frau starb vor ein paar Jahren schon. Seine Kinder und Enkelkinder sieht er nur selten. Sie leben woanders. Traten keine Nachfolge an. Lernten was anderes.

Er schiesst mit seiner schweren Limousine auf die Straße hinaus und fährt dabei fast einen Fahrradfahrer um. Mir fehlen plötzlich die Worte für sein rücksichtsloses Benehmen. Aber so war er immer. Genau so.

Wie arm ist so ein Leben. Ob er jemals herzlich gelacht hat? Freude an etwas hatte? An seinen Kindern? Ich kann mich nicht erinnern.
Er ist ja nun schon etwas älter. Alt. Wenn er eines Tages stirbt, was wird von ihm bleiben? Ich meine nicht von dem, was er geschaffen hat, sondern, was bleibt von ihm selbst? Wenn man von ihm redet, wird man noch immer sagen: „Na, der Kotzbrocken.“

 

 

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