Manchmal erinnere ich mich. Dann lasse ich die Gedankenreise zu und folge dem Geschehen meines Kopfkinos.

Meistens jedoch verdränge ich es, denn kaum angedacht, spüre ich, wie sich der Schmerz aufdringlich meldet. Irgendwo innendrin sitzt er immer – und lauert. Arschloch. Dieser Schmerz ist ein Arschloch.
Er geht wieder weg, das schon, dann atme ich auf – und hoffe, die Erinnerung endlich genießen zu können. Und plötzlich fällt er erneut über mich her. Wie ein wildgewordener Tiger krallt er mich. Eine riesige Pranke schlägt mich dabei zu Boden. ZACK! …

Manchmal aber, so wie heute, wärmt mich die Erinnerung. Für ein paar Minuten lasse ich sie zu. Kurz. Nur kurz, bevor das Gefühl umschlägt.
Ich sehe dann sein Gesicht vor mir. Seine Fältchen um die Augen. Seine Haut, irgendwie typisch männlich. Dunkle Punkte, da, wo die Rasur schon ein paar Stunden zurückliegt. Ich sehe in seine Augen und versuche zu ergründen, was sich dahinter abspielt. Ich lese, obwohl da nichts geschrieben steht. Hat er mich jemals böse angeschaut? – Was hast du gerade gesagt? – Verloren in meinem Blick entgingen mir seine Worte. Ich kann ihn riechen. Ich fühle ihn. Ich höre ihn. Ich sehe ihn. Ich würde ihn gerne spüren. Was würde passieren, was würde er sagen, was würde er tun, wenn ich ihn anfasse… einfach so… über seine Wange streiche… seine Hand berühre… die Innenseite seiner Hand… Er riecht gut. – Du riechst nach dir. – Eigen eben.

Er mustert mich. Sein amüsierter Blick hält mich gefangen. Könnte ich jetzt aufstehn und weggehn? Würde ich es wollen?
Wir reden. Wir erzählen. Wir lachen. Wir diskutieren. Wir fragen. Ich mehr als er. Mein Gott, ist das schön, so fühlen zu können. Es ist wunderbar diesen Moment auf diese Art genießen zu können. Dieser Moment ist so klar. So Echt. Er muss echt sein, sonst wäre jede Sekunde vergeudet. Vergeude ich ihn? Vergeudet er mich? Haben wir uns vergeudet?

Unzählig viele Augenblicke, und doch nur ein winziger Moment – gemessen an der Zeit. Nichts zum Greifen – und doch so vieles zum Mitnehmen.
Ich weiß nicht, was das ist. Vielleicht Seelenbande. Freundschaft. Vielleicht Liebe. Erlaubt? Geduldet? Erwünscht? Gemocht? Egal? Es fühlt sich warm an. Weich. Und gut. Jetzt gerade. Es arbeitet…

Erinnerungen. Vielleicht das einzige, was bleibt.
Eines Tages vielleicht.

 

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