Herumeiern

 
 
Mit manchen Menschen kann ich mich nicht unterhalten. Sie eiern an ganz einfachen Sätzen herum. Sie winden sich, verbiegen sich fast dabei, auf der Suche nach – ja, wonach eigentlich? – komplizierten Wortkreationen, anstatt die Worte auszusprechen, die ihnen förmlich auf der Zunge liegen.
Eine solche Unterhaltung stockt und versiegt dann.
Zeitraubendes unsicheres Gesuche nach Wörtern verursacht unsicheres zeitraubendes Herumgestammele.
Wie wohltuend ist dagegen ein Gesprächspartner, der seine Sätze fließend ausspricht, ohne dabei nur auf seine Selbstdarstellung fixiert zu sein.

Klare Worte sind immer besser, als nur auf Wirkung bedachte Ausschmückungen oder ständiges Zögern, aus Angst man könne beim anderen anecken.

Eine Unterhaltung lebt vom Fluss…
 
 

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Lange her

 
 
Statt leuchtenden Sternen, in allen Farben wild blinkende Herzen, Elche und Lichterketten. Statt neugierigen, glänzenden Kinderaugen, zerrende Kinderhände, begleitet von lautstarkem Protest. Statt gemütlichem Bummeln durch weihnachtlich geschmückte Buden, heftiges Geschiebe von hinten, rechts und links. Den vom Gegenverkehr abgeschossenen giftigen Pfeilen auszuweichen, ist schier unmöglich.
Wann eigentlich fing das an mit diesem Weihnachtsmarktboom?
Ich erinnere mich an den Weihnachtsmarkt im Ort, der etwa zwei Wochen lang aufgebaut war und das baldige Weihnachtsfest ankündigte. Ich erinnere mich auch an diesen einen Sonntag im Advent, an dem im Nebenort der winzig kleine Weihnachtsmarkt stattfand. Nur einen Nachmittag lang, aber wunderschön mit liebevoll aufgebauten Hütten, bestückt mit frischen Tannenzweigen, ein paar Lichtern und manchmal sogar geschmückt mit dem frisch gefallenen Schnee der vergangenen Nacht.
An den Buden gab es Selbstgebasteltes und Selbstgemachtes zu kaufen. Filigrane Strohsterne, bunte Topflappen, lustige Bommelmützen, getöpferte Schalen und Krippen, Ochs und Esel aus Holz geschnitzt, große und kleine Kerzen und rote, silberne und goldene Glaskugeln für den Weihnachtsbaum. Mancherlei Zubehör fand man nur auf dem Weihnachtsmarkt und freute sich um so mehr auf das jährlich wiederkehrende Ereignis. Kaum einer kennt heute noch die silberfarbenen Klemmkerzenhalter, die man nur mit gut ausgetüftelter Technik und Geschick so anbringen konnte, dass die Kerzen dauerhaft waagerecht an den Zweigen hielten.
An anderen Ständen konnte man sich mit Glühwein oder Kinderpunsch aufwärmen und es gab eine Wurstbude und eine Waffelbude. Eines Tages wurde ein neu hinzugekommener Maronenstand anfangs misstrauisch beäugt. Zwischen diesen Ständen flöteten manchmal Kinder, meist Mädchen, mit klammen Fingern weihnachtliche Weisen. Mit den erspielten Groschen hofften sie ihr Taschengeld etwas aufbessern zu können.
Alles zusammen schuf eine gemütliche, heimelige Stimmung und man ging anschließend zwar durchgefrorenen aber mit einem warmen Gefühl im Bauch wieder nach Hause.

Im Laufe der Zeit wurde alles größer. Zu groß. Zu überladen. Anfangs nur ein paar Buden mehr, erreichte man bald die doppelte Anzahl, dann kamen noch mehr hinzu und noch mehr und noch mehr. Gleichzeitig kamen Seifen, Gewürze, Dekoartikel, Süßes, Exotisches und allerlei Kram hinzu. Die Anzahl der „Fressbuden“ hat heute die der Verkaufsbuden längst überschritten.
Alles Nötige und auch Unnötige kann man das ganze Jahr über in vielen Läden kaufen, es ist nicht mehr notwendig, sich deshalb durch einen Weihnachtsmarkt zu zwängen.
Heutzutage werden außer den traditionellen Farben orange- oder lilafarbene, blaue, braune, grüne, graue oder auch schwarze Christbaumkugeln angeboten.
Auch Christbaumanhänger in allen Farben und Ausformungen, hergestellt in China, wie auf der Rückseite der Schachtel zu erkennen ist, warten auf einen neuen Besitzer.
Die Besucher drängen sich in den engen Gängen, bleiben plötzlich in ganzen Gruppen mitten auf den Wegen stehen, um die neueste politische Lage zu diskutieren, oder stehen viel zu lange vor den Buden ohne sich entscheiden zu können, ob sie nun was kaufen wollen oder nicht.
In manchem Jahr verzichtete ich auf dieses Gewühle. Verpasst habe ich wohl nichts, es ist nur noch mehr, lauter und bunter, schriller eben, geworden.
Warum es sich junge Mütter antun, in der Feierabendzeit ihre Kinderwagen durch das Gewühle zu schieben, wird mir immer unbegreiflich bleiben, ebenso, warum man in Kauf nimmt, dass der Hund getreten wird, weil man gar keine Möglichkeit hat, ihn rechtzeitig zu entdecken inmitten dieser unzähligen Menschen. Und die kleinen Kinder, die nichts sehen außer Mäntel, Jacken, Beine, Taschen, statt die Gesichter der Menschen? Wen wundert’s, wenn sie grob an der Hand zum zwar rettenden, aber leider überfüllten, Karussell hingezogen werden müssen? Wen wundert’s, wenn sie genervt und trotzig, statt froh und müde zu Hause ankommen?

Und plötzlich höre ich den vertrauten Klang zweier Blockflöten. Zart und etwas unsicher spielen sie von leise rieselndem Schnee. Zwischen zwei Buden, in einer unbeleuchteten kleinen Nische, stehen zwei Mädchen, etwa neun oder zehn Jahre alt, und flöten mit zitternden Händen. Am Notenständer hängt eine Nikolausmütze für Münzen. Ihr schüchterner Blick verliert sich rasch durch freudig glänzende Augen, wenn man stehenbleibt, applaudiert und ihr Flöten mit kleinen oder größeren Geldbeträgen belohnt.

Für einen Moment schließe ich die Augen. Da spüre ich wieder dieses Gefühl von früher. Auf einmal duftet es wieder nach gewürztem Lebkuchen, frischer Bratwurst und Puderzuckerwaffeln. Alles Laute ist wie gedämpft und alles Grelle nur noch zartes Licht.

Auf dem Heimweg überlege ich, wann mir dieses Gefühl verloren gegangen ist.

Ich vermisse es.
 
 

Lieblingsstücke

 
 
Teilen ist schön. Darum leihe ich schon mal jemandem etwas für eine Weile, oder weil woanders gerade Not am Mann ist und ich es momentan entbehren kann. Das kann auch schon mal ein Lieblingsstück sein.

Wenn ich aber nach Monaten zum wiederholten Mal nachfragen muss, wann ich denn das ausgeliehene Teil endlich wiederbekomme und als Antwort höre: „Das habe ich dir doch schon gegeben“, bleibt mir echt die Spucke weg.
Vor allem, weil du genau weißt, dass ich weiß, dass es gelogen ist.

Was ist so schlimm daran zuzugeben, dass du es verschlampt hast?

Wertschätzung? Ja nee, ist klar.
 
 

Ich bemühe mich

 
 
Nun beginnt es wieder.
Besinnliche Advents- und Weihnachtszeit, Menschen, die durch Fußgängerzonen, Weihnachtsmärkte und Läden hetzen. Man wird von riesigen Einkaufstüten oder Rucksäcken angerempelt, das Betrachten irgendwelcher Schaufensterauslagen fällt meist schwer.
Wenn ein ganzes Jahr lang so gelebt wird, als müsse man allzeit erreichbar sein bei selbstverständlich stets überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft, da kommt am Ende (des Jahres) schon mal die Frage auf: Wo ist bloß die Zeit geblieben?

Sie geht verloren, weil wir vieles nicht mehr machen, ohne eine weitere Aufgabe gleichzeitig zu erledigen oder zu erleben.

„Wie geht es dir? Sag doch mal.“ Eine schöne Frage. Wenn an der Antwort wirklich gelegen ist. Kann man das leise Beben der anderen Stimme wahrnehmen, während man sich hupend durch den Feierabendverkehr auf der Autobahn schlängelt?

Ein schneller Mittagssnack, selbstverständlich mit gleichzeitigem Checken der E-Mails und Nachrichten am Smartphone.
Auf die Frage danach: „Wie hat es dir geschmeckt?“, zuerst eine überraschte Pause, dann ein kurzes Überlegen, gefolgt von einem Stammeln: „Ja, ja, war gut.“ Ob derjenige wirklich weiß, wie die einzelnen Zutaten geschmeckt haben?

Eine junge Mutter. Mit der rechten Hand schiebt sie ihren Kinderwagen, der mitgeführte Hund ist am Kinderwagen angebunden, mit der linken Hand spricht sie unwichtiges Zeug laut in ihr Handy.
Am Abend wird sie ihrem Mann nicht erzählen können, was ihr Kind ihr mitteilen wollte, als es heftig gestikulierend auf etwas zeigte. Die Mutter hat es gar nicht wahrgenommen.

Oder du, der den ganzen Tag lang vom einen Termin zu anderen hetzt, die Zeiten eng gesetzt. Zeit ist Geld. Dazu Stau und andere unvorhergesehene Verzögerungen. Zwischendrin eine Stunde entspannende Massage. Danach schnell weiter zum nächsten Termin, von dem du jetzt schon weißt, du wirst zu spät kommen. Aber immerhin: jede Stunde des Tages voll genutzt.

Ich bin sehr gerne altmodisch, langweilig, geworden.

Wenn ich lese, dann lese ich.
Wenn ich telefoniere, dann telefoniere ich.
Wenn ich esse, dann esse ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich dich treffe, dann höre ich auch zu.
Manchmal mache ich auch nichts.
Ich kann das. Wieder.