Falsches Wissen oder Ignoranz

Schlagwörter

, ,

 

Introvertiert zu sein ist nicht gleichzusetzen mit mangelndem Selbstbewusstsein.

Gerne wird es von Extrovertierten mitleidig lächelnd so abgetan.

Wen wundert’s?
Vielen davon mangelt es am Sinn für Leises.
Vielleicht, weil sie selbst so laut sind.

 

Werbeanzeigen

Unvergessen

Schlagwörter

 

Seit vielen Jahren lese ich Blogs. Am liebsten Blogs mit persönlichen Erzählungen. Wobei nicht immer erkennbar ist, ob eine echt erlebte Geschichte wirklich wahr ist. Es zeigte sich schon, dass die schönsten Geschichten eben nur erfundene Geschichten waren.
Nicht, dass es wichtig wäre, aber wieso werden erfundene -gute!- Geschichten als selbst erlebt verkauft? Wichtigtuerei?

Über die Jahre gesehen, sind manche Blogs für mich wie eine Leseecke geworden.
Ich kenne die Autoren nicht, das ist auch nicht notwendig, aber vertraut sind sie mir trotzdem. Ein Bild hat sich geformt, ein Bild zum Geschriebenen und zu den Autoren, wenn sie denn selbst Figuren der Geschichte sind, wie so oft bekräftigt wird.

Ein wenig fühlt sich Bloglesen an wie Enkelkinderhüten oder vielleicht auch Babysitten. Man hat die Kinder für eine selbst ausgewählte Zeit bei sich, plant und genießt diese Zeit oder leidet manchmal mit, doch letztendlich übergibt man sie am Ende des Tages wieder Mama oder Papa. Sicher, man gehört dazu, fühlt nach, lässt den Tag nochmal Revue passieren, erfreut sich am Erlebten oder macht sorgt sich wegen kleinen oder großen dunklen Wolken, die sich da auftürmen.
Doch egal wie, man muss und darf die Verantwortung wieder abgeben.

So ist das auch mit manchen Blogs.
Ich lasse mich in das Geschehen hineinfallen, nehme wahr, fühle nach, sehe, wie sich diese von mir selbst geschaffenen Bilder vor mir bewegen. Ich freue mich mit, ich schmunzle mit, ich lache mit, ich schüttle den Kopf über unverständliches Denken und Tun, ich denke im Stillen: Lass das doch! oder Warum tust du das?! Siehst du nicht, dass du feststeckst?! Siehst du nicht, dass du förmlich ins Unglück rennst?! Oder ich denke: Du hast echt eine an der Klatsche!
Manchmal bin ich auch sozusagen „mittraurig“, wenn sich bei Autoren über die ich lese, Katastrophen nicht aufhören, Probleme nicht lösen lassen oder es zu keinem Happy End kommen kann, oder immer dann, wenn Menschen sehr krank sind oder wenn Beziehungen zerbrechen.

Manchmal bin ich auch berührt von der Art, wie Autoren ihre Gedanken in Worte fassen können. Zart und leise, oder donnernd und klagend. Kleine Kunstwerke. Worte, so wunderschön klingend, so tief, dass man sie wie die Sonne auf der Haut spüren kann oder das Salz einer Träne förmlich schmeckt.

Dann sind da noch jene Autoren, seltsamerweise sind das immer die, bei denen ich nie Zweifel habe, dass sie authentisch sind und schreiben, die jammern. Sie jammern von morgens bis abends, von Woche zu Woche, von Januar bis Dezember. Vermutlich jammern sie ihr ganzes Leben lang: Immer sind die anderen schuld. Alle anderen sind dumm oder egoistisch, die Eltern lieblos, Freunde treulos, Kinder undankbar, Partner unfähig. Bei Vorstellungsgesprächen werden sie aussortiert – natürlich wegen Überqualifizierung. Sollte es doch mal zu einem Arbeitsverhältnis oder Auftrag gekommen sein, sind in Folge die Chefs immer unfähig, die Kollegen blöd und die Geschäftspartner unverschämt. Selbstredend, dass immer die Bank schuld ist, wenn das eigene Geld nicht reicht. Nehmen die sich eigentlich wahr?
Ab und an geht mir das Gejammer auf die Nerven, dann lese ich einige Zeit nicht mehr dort, aber irgendwann später interessiert es mich dann, ob die Autoren nicht doch noch zur richtigen Selbsterkenntnis gelangen und etwas in ihrem Leben verändern konnten.

So unterschiedlich die Blogs und die Menschen sind, die sie mit Leben füllen, das Beste daran ist: am Ende schließe ich einfach den Blog, klappe den Deckel des Laptops zu und gehe ins reale Leben zurück.
Ich muss nichts mitnehmen.
Ich darf einfach gehen.
Zugegeben, manchmal geht ein Gedanke mit, wie es denn am nächsten Tag oder beim nächsten Eintrag weitergehen wird. Manchmal weiß ich auch schon genau, was im nächsten Text stehen wird.
Und manchmal warte ich gespannt auf die Fortsetzung einer Geschichte.
Aber nur das.
Nicht mehr.
Keine Verantwortung für all diese Leben, all diese Menschen und all ihre Handlungen zu haben – und trotzdem irgendwie dabei sein zu können.
Wenn man will.
Wann man will.
Das macht für mich das Bloglesen aus.
 

Leider sind in den letzten Jahren so viele liebenswerte Blogs verschwunden oder sollen nicht mehr gelesen werden.

Manche sind unvergessen.

 

 

 

Können lassen

Fast aufdringlich wird man überall mit der Nase drauf gestoßen, man solle…man müsse… sich neuausrichten, um in diesem Leben besser bestehen zu können.

Nichts dagegen zu sagen – es ist gut, das eigene Denken und Tun ab und an zu hinterfragen, notfalls Änderungen vorzunehmen.
Aber begründet das gleich eine professionelle Neuausrichtung?
Und wie oft?
Einmal?
Monatlich?
Jährlich?
Bei beruflichen Veränderungen?
Bei persönlichen Veränderungen?
Immer wenn die Kasse klingeln soll.

Manchmal reicht es völlig aus
wenn man sich drauf besinnt, sein zu DÜRFEN wie man ist und
wenn man sich selbst einfach mal mag.
Dann kann man auch die eigenen Schwächen oder Fehler annehmen.

Es wird viel zu oft versucht, uns etwas Unnötiges oder Falsches aufzudrücken.
Ein deutliches Nein hilft gut – und ist dazu noch kostenlos.

Menschen können. Man muss sie aber auch lassen.

Trauern was das Zeug hält

 

 
Manchmal lassen mich Traueranzeigen frösteln.

Sicher, jedes Mal steht eine solche Anzeige für Menschen, die den Verlust eines anderen Menschen zu beklagen haben. So jedenfalls sagt man. Der Verstorbene kann es ja nicht mehr lesen.

Ich finde die Bekanntmachungen interessant. Sind sie meistens in Standard-Formulierungen rein informierend verpackt, gibt es doch immer wieder die völlig anderen. Man erkennt sofort eigene Ideen, persönliche Gedanken, eigene Worte. Manchmal spiegelt ein einziger Satz ein ganzes Leben eines zu Betrauernden wider.
Ein anderes Mal wird der Leser zurückgelassen mit Worten, die alles und nichts erklären.

Dann gibt es noch diese Anzeigen, die eine oder zwei Seiten mit immer demselben Namen füllen. Zwei, drei, fünf, sechs, sieben oder noch mehr Anzeigen, in denen diesem einen Menschen gedacht wird.
Dieser Ruhm gebührt meist Männern. Es muss sich um wahre Wundermenschen handeln, nur so ist zu erklären, wie ein einziger Mensch von so vielen Seiten mit überschwänglichem Lob und nun Bedauern geehrt wird.
Politik, Gemeinde, Stadt, Land, manchmal Bund, Feuerwehr, Rotaryclub, dieser Verein und jener Verein, hier Vorsitzender und dort Ehrenamtlicher, Gründungsmitglied, Altvorderer, auf jeden Fall immer hochgelobter Wohltäter. Oft dazu noch Firmenchef.
Hochgelobt in Großformat. So als stünde Großformat für Hochformat… Eine halbe Seite mindestens. Pro Anzeige. Versteht sich. Natürlich.
Ob eine kleine Anzeige gleichwohl wertschätzend sein kann?

Ach ja, und dann – inmitten dieser massig Platz einnehmenden Riesenanzeigen (ich fühle mich erinnert an eine Litfaßsäule) – wird diese winzig wirkende Traueranzeige platziert: eine liebende Ehefrau, drei Kinder des treu sorgenden Vaters und Schwiegervaters, vier Enkelkinder des über alles geliebten Opis, zwei Urenkel, ein Bruder, eine Schwester, usw. beklagen den Tod des Familienmitglieds und Verwandten.
Daneben sehe ich eine noch kleinere Anzeige, gewidmet „unserem Freund“, der viel zu früh, völlig überraschend und unerwartet von ihnen ging.

Ich frage mich, wann dieser Mensch bei all seinen wohltätigen und ehrenamtlichen Tätigkeiten Zeit fand für seine Ehefrau, Kinder, Enkel und Urenkel, Geschwister. Wann hatte er Zeit für seine Freunde?
Fand er Zeit für sich? Kannte er sich? Konnte er überhaupt etwas mit sich anfangen? – Mochte er sich?

Hin und wieder begegnet/e mir schon ein solcher Übermensch.
Hoch gelobt, Wohltäter, Gönner, Freund. Schon über Jahre hinweg gesundheitlich angeschlagen. Trotzdem immer überall dabei. Überall mitredend. Überall mitbestimmen wollend.
Nur zuhause, da werden und wurden sie immer schmerzlich vermisst. Schon über Jahre hinweg, vielleicht sogar Jahrzehnte.

Was von alledem nehmen die Verstorbenen mit? Texte von hochwohlehrenden Todesanzeigen? Trauerreden, die gewiss noch folgen werden?
Ich denke, oft sind sie lange vorher schon tot. In gewisser Weise.

Mein Mitgefühl gehört lange schon vorher der Familie.